Utopian Systems.
Von Meereswelten, Wind und neuen Planeten
Die Ausstellung Utopian Systems. Von Meereswelten, Wind und neuen Planeten ist eine Einladung über den Zustand unserer Gegenwart nachzudenken und den Blick in die Zukunft zu lenken. In der Kunst, die nicht den Zwängen einer unmittelbaren Umsetzbarkeit unterliegt, können utopische Ansätze als Visionen Anlass zum Nachdenken und Träumen bieten, es können Weltentwürfe konzipiert werden, die als Gegenwelten oder Sehnsuchtsorte Zukunft gestalten. Der Ausstellungsraum, der per se ein Experimentalraum ist, wird in dem Moment zu einer alternativen Lebensrealität, zu einer Insel, zu „Utopia“.
Utopien als Vorstellungen einer erstrebenswerten Zukunft
… erweitern unseren geistigen Horizont und eröffnen mit Alternativen zu den herrschenden Krisen- und Schreckensszenarien Möglichkeitsräume für eine bessere, gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft. Sie bieten alternative Strukturen in nicht mehr funktionsfähigen oder schon zusammengebrochenen Systemen, in denen sozialer Zusammenhalt fehlt, Ausbeutung der Natur und aller natürlicher Ressourcen unseres Planeten an der Tagesordnung sind, Sicherheit, Wohlstand und Frieden schwinden und das Bild eines positiven Wachstums damit einem dystopischen Fortschrittsnarrativ Platz gemacht hat. Klimawandel, versauerte Ozeane voller Plastikmüll und Korallensterben, brennende Wälder, Artensterben und Massentierhaltung, Mangel an finanzierbarem Wohnraum, Epidemien und Asylsuchende, die unbewohnbare, durch Krieg und Umweltkatastrophen zerstörte Gebiete verlassen, sind das Resultat einer Welt der permanenten Geschwindigkeitssteigerung und des „Zuviels“. Das alles beherrscht seit Jahren die Nachrichten und führt dazu, sich die „gute alte Zeit“ zurückzuwünschen, statt produktiv in die Zukunft zu blicken und zu überlegen, wie es besser gehen könnte, welche Bilder wir sehen, in welcher Welt und welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Häkelriffs von Margaret und Christine Wertheim
Mit dem Osnabrücker Satelliten des Häkelriffs von Margaret und Christine Wertheim, entsteht vor Ort bereits seit Wochen im Kunstraum hase29 eine blühende Unterwasserwelt aus unterschiedlichen textilen Materialien. Die Struktur der einzelnen Korallen zeigt dabei ein exponentielles Wachstum, es handelt sich um eine sog. hyperbolische Struktur, die sich durch die regelmäßige, immer gleiche Maschenzunahme von allein ergibt. Im Grunde ein einfaches mathematisches Prinzip, das jedoch zugleich Spiegel gesellschaftlicher Prozesse ist, denn durch die immer gleichbleibende, konstante d.h. nicht angepasste, nicht lineare Zunahme explodiert im einsetzenden exponentiellen Wachstum ein „Zuviel“, das sich beim Häkeln in der immer dichter werdenden Wellung am Rand zeigt. Auf diese Weise wächst in Kräuseln und Faltungen eine dritte Dimension, die Ausdruck dafür ist, dass für die stetige Zunahme nicht genug Platz zur Verfügung steht.
Zugleich entwickelt sich mit dem wachsenden Häkel-Riff durch die kontinuierliche Arbeit vieler Menschen ein Gemeinschaftsprojekt, das in unzähligen Arbeitsstunden über den Zeitraum von mehreren Monaten nicht mehr eine/n Urheber*in hat, sondern kollektiv gestaltet wird und daher sprichwörtlich Verbundenheit erschafft. So sieht die US-amerikanische Philosophin und Wissenschaftsforscherin Donna Haraway in dem gehäkelten Riff ein zentrales Beispiel für ihre Philosophie des Zusammenlebens und der Ökologie, eine Praxis der Sorge („Care“) und „Respons-Abilität“. Statt dem weltweiten Sterben der Korallen nur zuzusehen, wird hier aktiv etwas Neues gestaltet, ein Organismus als Utopie einer globalen Gemeinschaft.
Die utopische Alternative der Düsseldorfer Künstlerin SOFF
Eine ganz andere utopische Alternative zeigt die Düsseldorfer Künstlerin SOFF mit dem spezifischen SOFF Multiverse. Es handelt sich dabei um eine von drei Sonnen umkreiste Weltkugel, die zwischen Algen, Bittergurken und Rotkohl von verschiedenen Tieren bevölkert ist – ein posthumanes Habitat, in dem natürliche, technische und organische Lebensformen nicht voneinander getrennt, sondern als miteinander verbundene Bestandteile einer sich stetig weiter entwickelnden Welt gedacht werden. Interdimensionale Artefakte aus dem Multiverse erweitern das Multiversum in den haptischen Raum.
Fluide Skulpturen von Tomas Kleiner
Tomas Kleiner wiederum setzt sich in seiner künstlerischen Arbeit intensiv mit dem Phänomen Wind und damit zusammenhängend mit gesellschaftlichen Utopien auseinander. Der Wind als gestaltgebende Erscheinung, die nur durch ihre Auswirkungen sichtbar wird, wird durch eine Windmaschine aktiviert – er weht durch den Raum, bläht Segel und erschafft fluide Skulpturen, die sich ausdehnen und entfalten. um dann wieder in sich zusammenzusinken. Das Werden und Vergehen ebenso wie die Unberechenbarkeit der Zukunft manifestieren sich in der zeitlosen, nicht bestimmbaren Bewegung des Windes, der sich der Kontrolle entzieht und nicht an Grenzen Halt macht. Der Wind bewegt die Meere und verteilt Samen, durch ihn entsteht ein ewiger Kreislauf des Werdens und Vergehens, der zeigt, dass Wandel und Stabilität keine Widersprüche sein müssen. Außerdem verkörpert er perfekt das Prinzip der Utopie als „Nicht-Ort“ (vom Griechischen ou-topos) – ein Idealzustand, der räumlich nicht fixiert ist.
Wir häkeln noch bis 23.11.2026, dann wird die Ausstellung fertiggestellt
Bringt eure Korallen einfach vorbei oder schickt sie uns, damit wir sie in der Ausstellung präsentieren können!
Unsere Postadresse:
KUNSTRAUM hase29
Hasestr. 29/30
49074 Osnabrück
Wir sammeln alle Namen derjenigen, die mitgehäkelt haben, um die Beiträge in der Ausstellung namentlich zu würdigen. Falls ihr keine Absendeadresse auf eure Sendung schreibt, legt uns doch gerne einen Zettel mit eurem Namen hinein.
Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Ann-Katrin Günzel
Osnabrücker Satellitenriff
Teil des weltweiten „Crochet Coral Reef“-Projekts von Christine und Margaret Wertheim sowie dem Institute For Figuring.
Mit freundlicher Unterstützung
