Kategorie: Blog
Veröffentlicht: 8. Februar 2021
Was Fledermäuse mit Blogtexten zu tun haben

„Ich soll eine Story schreiben? Hier, auf meiner alten Wirkungsstätte? In drei Teilen auch noch? Zu Blogs? Was gewesen war, was ist und was wird? Ach Gottchen, ich werde all die neuen Leser nur irritieren, die mich erstens nicht kennen und zweitens meine Art zu schreiben nicht gewohnt sind. Einige werden dabei sein, die gar froh waren, dass ich hier nicht mehr herumwirble. Da müsst ihr jetzt leider durch. Denn genauso wie ich damals zu Bloggen angefangen hatte, einfach ins kalte Wasser springend, ohne allzu lange überlegend, mache ich hier einen auf Gastblogger.“   Das schrieb 2015 der Blogger Robert Basic und demonstrierte wie Blogger normalerweise schreiben: kurz und frech und smart.  (https://www.basicthinking.de/blog/2015/10/29/blogs-robert-basic/)

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Sind Blogtexte also etwas wie eine Wunderkammer für abstruse Schreibeinfälle, therapeutische Selbstversuche oder andere banale Alltagsideen? Wohl kaum ein öffentliches Format hat die öffentliche Kommunikation in den letzten Jahren so verändert wie das Bloggen. Auch wenn das Anspruchsniveau und die   Themenbereiche von Blogs zwischen Konsum, Design, Wellness, Kultur und Wissenschaften inzwischen noch weiter differenziert haben  – die klassischen Modeblogs sind wohl nur deshalb so prominent, weil über sie immer  wieder berichtet wird:  Das Bloggen wird zukünftig neben anderen traditionellen Medien zu einer immer spezialisierteren Form des Lebens und Lesens in unserer durchdigitalen Welt. Gerade auch als systematischer Kunstkonsument kann man im Netz doch auch immer wieder Entdeckungen machen: der Kunst-Blog Contemporary Art Daily dokumentiert weltweit gerade laufende Ausstellungen zeitgenössischer Kunst https://contemporaryartdaily.com  – eine permanent wachsende Sammlung von ausstellungsbezogenen Dokumentationsansichten, die zukünftig unsere Seherfahrungen zeitgenössischer Kunst neu skalieren werden.

Blogtexten besitzen natürlich auch wie jedes andere populäre Medium eine letztlich ganz alltägliche Funktion  – es  geht um unterhaltsame Überraschungen und sonstige Irritationen. Hier ein aktuelles Beispiel:

Hallo Zukunft! Zeig dich doch mal! Fragen wir kurz bei Gott nach, der hängt ja gegenwärtig auch ziemlich schlaff in den Seilen. „Schön, dass mal wieder einer vorbeischaut. Dachte, ich versauere hier langsam. Du fragst nach der Zukunft. Ist wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und ja, ich habe in der Tat alles ausprobiert. Im Weltraum, jenseits aller Galaxien habe ich ihn versucht zu verstecken. Am Ende allerdings habe ich einen Ort gewählt, den der Mensch nie finden würde.“ „Und wo soll das sein?“ Einatmen. Zeigefinger an die Lippen. „Ganz tief im Innern des Menschen.“ Gott lacht laut. „Nicht weitersagen, Psssst!“

(zit. n: Peter Felixberger, MONTAGSBLOCK /126- Kursbuch – 08.02.2021)

Eine zentrale Funktion von Blogtexten liegt offenbar darin, sehr schnell sehr viel Aufmerksamkeit zu generieren. Die Imperative der frühen Blogger*nnen lauteten deswegen :  Weniger ist mehr! Smart ist nicht genug! Aber bitte nicht zu anspruchsvoll! Blogtexte, die zu langatmig komplexe Gedankengänge  entfalten oder gar deutlich tiefer gelegte Ideenexperimente vorführen, sind in der Regel nichts für Blog-Konsumenten.  Auch wenn man beim Lesen von Blogtexten gar nicht unbedingt erwartet mit tieferen Sinnangeboten konfrontiert zu werden, kann es als Autor*n eines solchen Texts doch Spaß machen, aus den Grenzen dieses Formats auszubrechen. Nur mal als Beispiel: Da mich gerade die Fähigkeit interessiert, mein Schreiben und Ihr Lesen durch überraschende Vergleiche zu triggern, achte ich seit einiger Zeit vermehrt auf schöne historische Zitate, die man dann gut mit Anderem kombinieren kann:  Engel, so hat der Theologe Karl von Hase im 19. Jahrhundert geschrieben, seien metaphysische Fledermäuse. Hand aufs Herz: Was haben nun aber Fledermäuse mit Blogtexten zu tun? Nur weil etwas hinkt, ist dieser Vergleich noch lange nicht ungelungen. Und ebenso der Blogtext: Nur weil  dieser Text Sie jetzt zum Konsumieren animiert, ist damit noch nichts über Sinn und Nichtsinn des Bloggens gesagt. Je mehr ich lese, was ich selbst und andere bloggen, desto weniger lasse ich mich entmutigen, mir eine eigene Meinung zu bilden (vielleicht hinzufügen: und diese zu publizieren ?).

Gerade heute gilt: Der Zweck heiligt nicht alle Mittel; nicht alles, was man schreiben oder lesen kann, muss man auch bloggen. Doch gerade lese ich in Susan Sontags kleinem Essay Schreiben ist die Kunst des Lesens (2000): „Das worüber ich schreibe, ist anders als ich. So wie das, was ich schreibe, intelligenter ist als ich. Weil ich es umschreiben kann.“  Mit Sicherheit wäre Susan Sontag heute begeisterte Bloggerin …

Michael Kröger

 

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